Scottie Scheffler, der freudlose Sieger: „Will einfach nur schnell nach Hause“

Scottie Scheffler, der freudlose Sieger: „Will einfach nur schnell nach Hause“

Es ist sein zweites Green Jacket, aber im Mai kommt das erste Kind zur Welt, so ist es jedenfalls ausgerechnet. Klar, wo da am Sonntagabend die Prioritäten des Masters-Champions lagen: Scottie Scheffler wollte nach den anstrengenden und aufregenden Tagen von Augusta nur noch nach Hause, hätte sich am liebsten durch die Hintertür verdrückt, um all den Pflichten zu ent- und heim zu kommen zu seiner hochschwangeren Frau Meredith. „Ich liebe Dich, mein Schatz“, rief er ihr bei seiner Rede vor allen Leuten auf dem 18. Grün zu: „Ich freue mich auf die nächsten paar Wochen. Hoffentlich kann ich so schnell wie möglich wieder da sein.“

„Meine Identität hängt nicht von einem Green Jacket ab“

Immerhin sind noch eine Wiege und ein Babybett zu kaufen, ist noch ein Kinderzimmer einzurichten – alles, was werdende Eltern so auf dem Zettel haben. „Wir sind schlecht vorbereitet“, hatte Scheffler vor diesem 88. Masters bekannt. Er war damit beschäftigt, Turniere zu gewinnen, drei nunmehr in dieser Saison, acht Top-Ten-Plätze insgesamt, da bleibt schon mal was liegen.

Der 27-Jährige wäre bereit gewesen, umgehend abzureisen, wenn daheim in Dallas bei seiner Frau die Wehen eingesetzt hätten, egal wann und in welche Phase des Wettbewerbs. „Meine Identität ist bereits gesichert, sie hängt nicht von diesem Turnier oder von einem Green Jacket ab“, bekräftigte Scheffler am Sonntagabend. „Ich komme hierher und trete an, habe Spaß und genieße es. Aber ob ich gewinne oder verliere, ändert nichts an dem Menschen, der ich bin“, fügte der gläubige Christ an.

Meredith Scheffler und das Ungeborene haben durchgehalten und dem Sport damit Momente wahrer golferischer Größe beschert. Das Beängstigende daran ist, dass Schefflers Großartigkeit langsam zur Selbstverständlichkeit wird: Er hat dieses Jahr noch keine Runde über Par gespielt, Augusta inklusive. Und schon vor dem ersten Abschlag wirkte es, als müsse der haushohe Favorit bloß vier Tage durchhalten, um dieses 88. Masters tatsächlich für sich zu entscheiden.

Irgendwie war undenkbar, dass Scheffler am Sonntag nicht erneut im grünen Sakko des Siegers da stehen würde, zum zweiten Mal nach 2022. Sein Erfolg stand quasi fest. Dabei war der nunmehr neunfache Tour-Sieger auch am Sonntag nicht von Anfang bis Ende in der Erfolgsspur, musste zwischenzeitlich nach zwei Bogeys die Führung sogar an Rookie Nicolai Højgaard abgeben, hatte ständig „The Swedish Sensation“ Ludvig Åberg im Nacken.

Der Scheffler-Schalter für brenzlige Situationen

Doch für solche Situationen gibt es offenkundig einen speziellen Scheffler-Schalter, den der Weltranglistenerste offenbar nach Belieben umlegen kann. Mit sechs Birdies auf den Löchern 8 bis 16 den nächsten verwandelte er eine der chaotischsten und spannendsten Finalrunden der jüngeren Masters-Historie in einen Vier-Schläge-Vorsprung. Hernach wurde Finalrunden-Flightpartner Collin Morikawa nach den Komponenten des „Scheffler Shuffle“ gefragt, womit diesmal nicht die Beinarbeit des 1,91-Meter-Manns gemeint ist.

„Scottie kann einfach alles“, lautete Morikawas Antwort. „Er schlägt den Ball meilenweit an mir vorbei, er spielt seine Eisen mit lasergleicher Genauigkeit, er macht die Putts, wenn er sie braucht. Er bringt sich nie in Schwierigkeiten. Und selbst wenn er mal Probleme hat, merkt man ihm das nicht an.“

Stimmt. Bis zum letzten Putt und einer langen Umarmung mit seinem Caddie Ted Scott wirkte Schefflers Vier-Schläge-Sieg beim Masters emotionslos. Und seine einzigartige Mischung aus mentalen und physischen Fähigkeiten machen ihn zu einer Ausnahmeerscheinung, die seinen Mitbewerbern Respekt abnötigt und Erinnerungen an einen anderen Überflieger wecken.

Wie Tiger Woods in Hochzeiten

Wie Tiger Woods in Hochzeiten ließ Scottie Scheffler gleichermaßen an diesem Sonntag keine Zweifel aufkommen. Er kam, sah und siegte. Die Konkurrenz war letztlich chancenlos. Es gilt, was Max Homa sagte: „Ich habe mein Bestes gegeben, habe alles getan, was ich kann, und mir nichts vorzuwerfen. Daher bin ich mit mir und meiner Leistung im Reinen.“ Gegen den besten Golfer der Welt reicht das Beste vom Rest der Welt derzeit halt nicht. Schefflers Dominanz hat was mit der Größe und den Hebeln zu tun, wie bei Dustin Johnson. Randy Smith, sein Trainer seit dem siebten Lebensjahr, lobt „das beste Paar Hände, das ich je gesehen habe“.

Der einzige, der diesen Erfolg nicht als zwangsläufig einstufen mochte, war der Triumphator selbst. Inmitten all des Jubels und der Mehr-ging-nicht-Selbstzufriedenheit nach dem letzten Putt wirkte Scheffler seltsam freudlos. „Ich wünschte, ich könnte das alles noch ein bisschen mehr in mich aufsaugen“, sagte er bei der anschließenden Pressekonferenz. „Sowieso habe ich das Gefühl, dass Profigolf eine endlos unbefriedigende Angelegenheit ist.“ Dafür scheint Scheffler mit seinem Leben abseits des Golfsports umso zufriedener.

57,6 Millionen Dollar Karriere-Preisgeld

Übrigens: Das findet komplett golffrei und ohne die üblichen Nebenschauplätze statt. Der in New Jersey geborene Profi ist weder in den sozialen Medien aktiv, noch hat er die einschlägigen Apps überhaupt auf dem Mobiltelefon. Damit dürfte das Players Impact Program der PGA Tour die einzige Statistik (gewesen) sein, in der Scheffler nicht vorn dabei ist. Aber mit allein 15,1 Millionen Dollar Preisgeld für 2024 und einem Karriere-Preisgeld von bereits 57,6 Millionen Dollar ist das verschmerzbar – und für den bescheidenen Ballstriker eh nicht relevant.

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